02.12.2010 | Der Stadtplärrer
Preiswerte Lehrstunden in Rhetorik im MMM.
"Magier der Worte" spielt Heines Wintermärchen
Königslutter. Wer eine Lesung im Museum Mechanischer Musikinstrumente erwartet hatte, der rieb sich zunächst verwundert die Augen und glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Denn wie Alexander Finkel, von vielen Kollegen mit dem Prädikat "Magier der Worte" ausgezeichnet, den Zuhörern Heinrich Heines "Deutschland, ein Wintermärchen" näher brachte, war weit mehr als nur eine Lesung.
Vor ausverkauftem Haus spielte Finkel ein Ein-Mann-Theaterstück, es wurde daraus eine mitreißende "One-Man-Show". Der alle beeindruckende Künstler setzte alles ein, was die Zuhörer zu fesseln vermochte: Kopf, Hände und Füße, den ganzen Körper bei Mimik, Gestik und Lautstärke. Finkel schrie, flüsterte und litt. So wurde Heines Wintermärchen ein preiswertes Kurz-Seminar in Rhetorik. Heine rechnet in seinem Buch mit den deutschen Eigenheiten und Merkwürdigkeiten, mit Arten und Unarten seiner Landsleute ab.
Und obwohl der Text bekanntlich über 160 Jahre alt ist, glaubte mancher, seinen Nachbarn oder Urlaubsbekannte vor sich zu sehen. Denn "Deutschland, ein Wintermärchen" gestaltete Heine als eine Reise durch die Heimat. Und Alexander Finkel verdeutlichte diese Reise mit einer Reise durch die Dialekte. Auch diese wusste er meisterlich einzusetzen. Finkel beherrscht die hohe Kunst des Erzählens perfekt, er spielte, was Heine ausmacht: spitzbübig, blumig, tiefsinnig. Seit 1987, bisher insgesamt mehr als 750 Mal, erzählte Alexander Finkel dieses Wintermärchen, aber da war keine Spur von "einfach nur Routine". Man merkte es dem Künstler an, es machte ihm so viel Spaß wie beim berühmten ersten Mal. Und wann erlebt man es schon einmal, dass das begeisterte Publikum bei einer "Lesung" Zugabe erklatschte.
Das sprach deutlich für die qualitativ hochwertige Einheit von Künstler und Dichter.



