19.04.2011 | Weilburger Tageblatt
Mitreißende Matinee mit Alexander Finkel
Heine ‑ lebendig wie eh
Weilburg. Ein Sonntag im "Delphi‑Kino. Ein mittelalter Mann steht Vor dem Vorhang und fordert die Zuhörer auf, die Arme zu heben. Rund einhundert recken sich. Zufrieden drückt der Mann auf den Auslöser seiner Kamera: Er braucht den Beifall für seinen Internet Auftritt.
Eigentlich hätte der Mann aber nur warten müssen. Denn Beifall gab es noch reichlich an diesem Morgen. Der Name des Mannes: Alexander Finkel. Besonderes Kennzeichen. Er liebt Heinrich Heine.
Bevor er aber mit seiner lyrischen Reise durch die Befindlichkeiten Heinrich Heines" loslegt, rückt er das Pult nach links. Weil das Publikum linkslastig sitzt, und überhaupt ist das bei Heine sowieso angebracht.
Der Auftritt des gebürtigen Wormsers, der in Weimar lebt und am frühen Morgen mit der Bahn ohne Streikstress von Erfurt nach Weilburg kam, war der Abschluss und einer der Höhepunkte der zweiten Weilburger Kultur‑ und Büchertage.
Initiator Joachim Kinedt zeigte sich denn auch hochzufrieden über den Ablauf der Reihe und freute sich über die zahlreichen Zuschauer bei den zehn Veranstaltungen. Das Programm sei sehr abwechslungsreich gewesen und habe großen Spaß gemacht.
Das lässt sich auch von Alexander Finkels Matinee sagen: Der mitreißende Rezitator bringt auch demjenigen den großen deutschen Dichter näher, die von Heine nicht viel mehr wissen, als dass er die Loreley besungen hat. Dabei setzt Finkel bei seiner Traumreise (bei der er das Publikum gerne auffordert, die Augen zu schließen, um so Kino im Kopf zu erleben) den Fokus auf den Lyriker Heine.
Finkel liebt Liebesgedichte
Vor allem dessen Liebesgedichte haben es ihm angetan, und er lässt seine Zuhörer mitschmachten, mitverzweifeln, mitbegehren oder auch mitverspotten.
Dieser Spott war es ja vor allem, den der deutsche Mensch seiner Zeit ihm, seit 1831 bis zum Tod 1856 in Paris lebend, hauptsächlich übel nahm. Kein Respekt vor sogenannten Autoritäten, Verächter des Nationalismus, Sympathisant der französischen Julirevolution von 1830 und gebürtiger Jude: Das brachte den deutschen Michel komplett auf die Palme.
Keiner polarisiert wie er und tut es heute noch, sagt Alexander Finkel. Stimmt das?
Nehmen wir die Nazis. Sie hassten Heine, doch sie kamen ihm nicht bei: Seine "Loreley" stand in jedem völkischen Schulbuch, wenn auch mit dem Vermerk "Dichter unbekannt". Seine Heimatstadt Düsseldorf kreißte Jahrzehnte‑ und gebar schließlich ein Mäuschen. Mit Ach und Krach trägt die Universität heute seinen Namen. Und in Bayern lehnte vor nicht allzu langer Zeit eine Tageszeitung die Veröffentlichung einer Heiratsanzeige ab. Grund: Eine Zeile von Heine: "...den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen".



